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Mittwoch, 4. Juli 2012

Peter Thonet über die Zeitlosigkeit guten Designs

Stuhl-Legende: Thonets Kaffeehausstuhl Nr. 14 (heute 214), den es seit mehr als 150 Jahren gibt.

Foto: Archiv Thonet

Schneeberg. Auf einem Thonet haben schon Millionen von Menschen gesessen - oder gar Milliarden. Denn allein den 1859 entwickelten und inzwischen legend?ren Kaffeehausstuhl mit der Modell-Nummer 14 hat der M?belhersteller Thonet bis 1930 etwa 50 Millionen mal produziert und verkauft. Peter Thonet, ein Nachkomme von Unternehmensgr?nder Michael Thonet (1796-1871), leitet heute die Firma. Mit dieser wiederum steht die Hochschulfakult?t Angewandte Kunst Schneeberg seit Jahren in engem Kontakt. Denn die angehenden Holzgestalter und m?glichen Stuhl-Designer von Schneeberg sollen so auch die Praxis studieren k?nnen. In dieser Woche wurde das Band zwischen Fakult?t und der in Frankenberg (Hessen) ans?ssigen Firma noch enger gekn?pft: Peter Thonet ist nun Honorarprofessor. Mit dem Herrn der St?hle hat sich Ulrich Hammerschmidt unterhalten.

Freie Presse: Sie tragen den Namen Thonet, den Namen einer legend?ren M?bel-Marke. Was macht deren Charakter aus?

Peter Thonet: Die Marke hat eine lange Tradition. Sie dokumentiert M?bel f?r den t?glichen Gebrauch. Das sind vornehmlich St?hle und Tische von hoher formaler und handwerklicher Qualit?t. Sie werden produziert f?r Anwendungen sowohl im privaten als auch im ?ffentlichen Bereich - also f?r Kongresszentren, Seminar- und Schulungsr?ume und so weiter.

Freie Presse: Und wie charakterisieren Sie die hohe formale Qualit?t, von der Sie eben sprachen, also die ?sthetik der Marke Thonet?

Peter Thonet: Die lange Tradition der Marke bedeutet auch, dass das Unternehmen sehr innovativ ist. Wie waren die Erfinder der M?bel aus gebogenem Holz. Wir waren die ersten, die die Stahl-Rohr-Klassiker des Bauhauses gefertigt und vertrieben haben. Heute hat die Marke nach wie vor einen sehr guten Ruf. Wir sind vertreten in exklusiven Einrichtungsh?usern in Deutschland und Europa. Mit der Marke verbindet man gutes Design und hohe Sicherheit. Sicherheit: Damit ist nicht gemeint, dass die St?hle nicht umkippen. Sicherheit hei?t, dass ein Kunde ein langlebiges Gebrauchsgut kauft, an dem er ganz sicher lange Freude hat.

Peter Thonet.

Freie Presse: Sie bezeichnen Ihr Unternehmen als innovativ. Wie schafft man es eigentlich, immer wieder neue St?hle zu entwickeln, wo es doch schon so viele alte gibt?

Peter Thonet: Beim t?glichen Bedarf von M?beln gibt es immer wieder neue Anforderungen. Und diese Anforderungen werden artikuliert von unseren Vertriebsleuten, aber auch von unseren Fachhandelspartnern oder auch von den Architekten, mit denen wir eng zusammen arbeiten - sie planen oft R?ume inklusive Mobiliar. Dann haben wir ein Netzwerk von Designern, die alle unterschiedliche Ideen haben. So bleibt man innovativ.

Freie Presse: Sie sprachen von immer neuen Anforderungen. H?ngt dies vielleicht auch damit zusammen, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten zu einer vorwiegend sitzenden Gesellschaft entwickelt haben - mit immer mehr B?rojobs zum Beispiel, die langes Sitzen mit sich bringen.

Peter Thonet: Das ist v?llig richtig. Der Mensch sitzt mehr und mehr, was er in dieser Form fr?her nicht so gemacht hat. Dadurch sind die Anforderungen an ein gesundes Sitzen enorm gestiegen. St?hle zu entwickeln, die Verspannungen und Wirbels?ulenleiden entgegenwirken und ein gesundes Sitzen f?rdern - darin steckt ein gro?es Potenzial f?r Innovationen. Was den Privatbereich betrifft, stehen St?hle meistens am Esstisch, entweder in der K?che oder im Esszimmer. Fr?her ist man meist nach dem Essen aufgestanden und hat sich aufs Sofa gesetzt. Heute ist es doch so, dass man meist am Tisch sitzen bleibt, um das Gespr?ch nicht zu unterbrechen. Auch daraus ergeben sich neue Anforderungen, St?hle sollen bequem sein.

Freie Presse: Gibt es Stuhl-Moden?

Peter Thonet: Die gibt es auf alle F?lle, wobei wir uns modischen Attributen nicht unterwerfen. Denn wir wollen, dass unsere Kunden viele Jahre und Jahrzehnte Freude an den St?hlen haben. Das einzige, was der Mode folgt, sind die Bezugsstoffe. Da ?ndern sich die Stoffarten, die Gewebe. Aber ansonsten sollen die St?hle, das ist die Philosophie von Thonet, auch formal langlebig sein.

Freie Presse:? Stichwort Kaffeehausstuhl Nr. 14. Wie funktioniert es, dass ein Stuhl zum Klassiker wird. Also zum zeitlosen, modefernen Modell. Gibt es da ein Rezept?

Peter Thonet: Das w?re sch?n, wenn es das g?be. Jedes Unternehmen m?chte gerne einen Klassiker haben, der viele Jahrzehnte lang G?ltigkeit hat, sich gut verkauft, auf dem Markt besteht. Das liegt wiederum daran, dass die Produkte zuverl?ssig sind, dass man sich auf sie verlassen kann, dass sie gut funktionieren, einfach zu bedienen sind, dass sie einen formalen Anspruch haben. Das kann auch hei?en, dass die Produktformen aufs Notwendigste reduziert sind. Wenn Sie sich zum Beispiel das Design von Braun ansehen, f?r das der bekannten Designer Dieter Rams verantwortlich war: Diese Ger?te sind alle hochfunktionell gewesen und sehr, sehr schlicht, sie sahen technisch zur?ckhaltend aus. Am Ende entscheidet aber immer der Verbraucher, ob ein Produkt ein Klassiker wird oder nicht.

?Peter Thonet und die Firmengeschichte

Die Pleite seiner Werkstatt im Rheinland brachte den 1796 in Boppard geborenen Tischlermeister Michael Thonet dazu, 1842 nach Wien zu ziehen. Er arbeitete dort f?r einen gro?en M?belfabrikanten. 1849 gr?ndete er erneut eine eigene Firma, wurde kurz darauf f?r seine Stuhl-Modelle auf internationalen Leistungsschauen in London und Paris ausgezeichnet. Das machte ihn und seine S?hne europaweit bekannt. Als Michael Thonet im Alter von 75 Jahren in Wien starb, unterhielt die Firma "Gebr?der Thonet" Verkaufsstellen in etlichen europ?ischen Gro?st?dten sowie in New York und in Chicago in den USA.

Als Stuhl aller St?hle gilt der 1859 entwickelte Thonet-Stuhl Nr. 14. Das auch "Konsumstuhl Nr. 14" genannte Modell wurde vor allem in Kaffeeh?usern eingesetzt. Von ihm wurden allein bis 1930 rund 50 Millionen St?ck hergestellt. Bereits 1852 gelingt es der Firma, ein Patent auf das Biegen schichtverleimten Holzes (in mehrere Richtungen) anzumelden, 1856 folgt das Patent auf des Biegen von Massiv-Holz. Diese Technik beg?nstigt die Massenproduktion. Der vor allem aus Buche gefertigte Bugholz-Stuhl wird zum Markenzeichen. In den 1920er-Jahren ist Thonet Weltmarktf?hrer mit zahlreichen Produktionsst?tten.

Der internationale Thonet-Konzern brach 1945 auseinander. Im ehemals kleinsten Werk, im hessischen Frankenberg (Eder), wurde die Produktion danach wieder aufgenommen und wird bis heute von der Familie Thonet betrieben.

Peter Thonet (64) f?hrt die Firma seit Anfang 2011. Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann ging er bei einem M?nchner M?belh?ndler in die Lehre, 1974 trat er in das Familienunternehmen ein. 1984 ?bernahm er die Leitung von Vertrieb und Marketing, seit 1997 geh?rt er der Gesch?ftsleitung an. (uh)

http://www.thonet.de/

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