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Donnerstag, 18. Oktober 2012

Material der Avantgarde

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Seit sich Aluminium in großen Mengen gewinnen lässt, wird es auch von Interior Designern verwendet

Die Welt 01.10.12 Seit sich Aluminium in großen Mengen gewinnen lässt, wird es auch von Interior Designern verwendet Von Christiane Meixner

Für fünf Franken durfte man 1938 mitnehmen, was heute als Design-Ikone im New Yorker Museum of Modern Art steht. Der Landi-Stuhl, eine leichte und zweckmäßige Sitzgelegenheit zum Stapeln, war weit über eintausend Mal auf der Schweizer Landesausstellung "Landi" aufgestellt. Dort sollte er vorrangig für das junge Material Aluminium werben, das die Eidgenossen damals schon in großem Maß industriell verarbeiten konnten. Der von Hans Coray entworfene Stuhl antwortet auf diesen Fertigungsprozess mit einer einfachen, überzeugenden gestalterischen Sprache. Er verzichtet auf jedes schmückende Detail. Seine einzige Dekoration, die kreisrunden Löcher in der Sitzschale, folgt einem simplen funktionalen Zweck. Coray orientierte sich dabei am Flugzeugbau: Die Perforierung des Materials macht es leichter und widerstandsfähiger gegen Verformungen.

Der Weg über ein neues Material zu einem außergewöhnlichen Produkt ist typisch für das 20. Jahrhundert. Gerade im Fall von Aluminium, dessen Eigenschaften als "mirakulös" gefeiert wurden, nachdem es sich um 1850 endlich in größeren Mengen gewinnen ließ. Ein leichtes, softes Material, das sich als Paradoxon präsentiert - es ist hart und weich zugleich, glänzt und mutet an wie Metall, ohne hart und schwer wie Eisen oder Stahl zu sein. Dafür war es noch Jahrzehnte später so teuer, dass seine Wertschätzung durchaus mit der von Silber mithielt. Man verwendete es am liebsten für ausgesuchte handwerkliche Objekte. Zugleich signalisierte man mit dem Einsatz des noch jungen Materials, dass man zur Avantgarde gehörte.

Deshalb verkleidete der Wiener Architekt Otto Wagner 1902 die Fassade der Agentur "Die Zeit" mit einer schimmernden Haut aus Aluminium, die irgendwo zwischen spätem Jugendstil und Luftzeitalter changierte. Modernität, gepaart mit der Assoziation an die Stabilität eines Metalls. Als Otto Wagner zwei Jahre später auch das k.u.k. Postsparkassenamt in Wien bauen sollte, ließ er das ganze Gebäude mit von Aluminium ummantelten Eisenbolzen beschlagen. Eine programmatische Doppelbotschaft: Dieses Haus ist auf der Höhe der Zeit - und dennoch sicher wie eine Schatztruhe.

Marcel Breuer verband das Material etwas später mit ganz anderen Eigenschaften. Das Multitalent am Bauhaus nutzte es, um leichte, bewegliche Möbel wie seinen Long Chair zu entwerfen. Eine Liege, die man als Klassiker eher aus gebogenem Holz mit Lederauflage kennt. Breuer entwarf 1932 jedoch auch eine Variante aus Aluminium und stattete bloß die Armlehnen mit einer hölzernen Ablage aus. Mit der Herstellung beauftrage er ein Jahr später ein Schweizer Werk - da hatte das Land noch gar nicht offensiv für seine vorzüglichen Produktionsstätten geworben.

Es war aber bekannt und Aluminium längst ein Synonym für die Moderne. So schrieb die große französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand, die unter anderem mit Le Corbusier zusammenarbeitete, dass es "dieselbe revolutionäre Rolle bei den Möbeln spiele wie Beton in der Architektur".

Allerdings war längst das Zeitalter der Massenartikel aus Aluminium angebrochen, auch weil man es in Flugzeugen wie Luftschiffen zuvor intensiv verwendet hatte und nach dem Ersten Weltkrieg zurück in den Werkstoffkreislauf der zivilen Gesellschaft speisen wollte. Das führte zu seiner Entwertung: Wenn Töpfe, Autos, Staubsauger und sogar Lockenwickler daraus gemacht sind, wie soll es dann noch nobel sein? Ein Grund, weshalb etwa Breuer mit seinen ehrgeizigen Plänen nicht weiterkam. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1933 versuchte er den Londoner Besitzer einer Manufaktur und Protegé emigririerter Bauhäusler davon zu überzeugen, dass man weiter in Möbel aus Aluminium investieren müsse. Er solle es vergessen, meinte Jack Pritchard daraufhin: Es habe keinen Sinn, den Briten so etwas anzubieten. Weshalb er es nicht mit dem neuartigen Schichtholz versuche?

Populär wurde Aluminium dafür in den USA, weil Stars wie Marlene Dietrich oder Ramon Navarro sich in den dreißiger Jahren ihre Villen mit Möbeln des Designers Warren McArthur einrichten ließen. Andere Gestalter funktionierten die festen Alu-Rahmen mit beweglichen Federstählen zu jenen Klapp- und Kombinationsmöbeln um, die die amerikanische Wohnkultur noch bis in die Fünfziger prägten. Eine Alltags-Ikone aus diesen Zeiten, allerdings italienischer Herkunft, steht bis heute in vielen Küchen: der Mokka-Bereiter von Alfonso Bialetti, der seit 1933 aus Guss-Aluminium nahezu unverändert in fünf Größen hergestellt wird.

Dennoch versuchten sich Designer auch in den USA immer wieder an einer Nobilitierung des Materials. Zu ihnen zählen Charles und Ray Eames mit ihren Stühlen der Aluminum Group, den wohl bekanntesten Entwürfen des stilbildenden Paares. Die Möbel von 1958, längst Klassiker der Designgeschichte, werden bis heute (in der Schweiz) produziert und machen die sichtbare Konstruktion zum ästhetischen Merkmal. Alle Vorzüge des Materials liegen offen zutage: seine Klarheit, die schimmernde Oberfläche, Stabilität und Leichtigkeit.

In diesem Sinn haben immer wieder Architekten, Gestalter und sogar Modemacher mit Aluminium und seinen Eigenschaften gespielt. Legendär ist das Minikleid von Paco Rabanne aus den späten sechziger Jahren, das komplett aus flexiblen Plättchen besteht.

Bei zeitgenössischen Möbeln wie dem FOG Chair, den Frank Gehry 1999 kreierte, kommt Aluminium ebenso zum Einsatz wie im Design des Japaners Shiro Kuramata oder bei Jesus Gasca, der das Material für seinen ultraleichten Gas Side Chair (2000) mit Kunststoffen kombiniert. In den frühen Neunzigern machte sich der Industriedesigner Marc Newson einen Namen mit dem Lookheed Lounge Chair. Das erste Exemplar hatte Newson 1988 in seiner Heimat Australien gefertigt, indem er dünne Aluminiumplatten auf einen amorphen Körper aus Fiberglas nietete. Ein Objekt, das aussieht, als käme es aus einer historischen Manufaktur und sei zugleich ein Ding aus der Zukunft. Kein Wunder, dass es bei Sammlern Begehrlichkeiten weckt und 2009 für 1,1 Millionen Pfund auf einer Auktion in London versteigert wurde. Rekord für ein Möbelstück, das nun als teuerstes Objekt der Designerkunst gilt.

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